Am Anfang steht das Ich – Erinnerung, Zeit und Selbstentwurf bei Proust, de Musset und Sartre
Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort! […]
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: „Im Anfang war der Sinn.“
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
(Goethe, 2004, 42f.)
Bereits Goethes Faust beschäftigt sich mit der Frage nach dem Anfang. Bei seinem Versuch, den ersten Satz des Johannesevangeliums zu übersetzen, verwirft er nacheinander das Wort, den Sinn und die Kraft, bevor er sich für die Tat entscheidet. Die Suche nach dem richtigen Begriff verweist auf ein grundlegendes Problem: Was steht tatsächlich am Anfang? Ist es das Wort, mit dem eine Geschichte beginnt, die Idee, die ihr vorausgeht, oder die Handlung, aus der sie hervorgeht?
Für die Literatur stellt sich diese Frage auf mehreren Ebenen. Der erste Satz markiert zwar den sichtbaren Beginn eines Textes, doch muss er nicht mit dem Anfang der erzählten Geschichte zusammenfallen. Die Ereignisse, von denen ein Erzähler berichtet, können lange vor dem Einsetzen der Erzählung liegen. Ebenso kann die Geschichte mit einem Ereignis beginnen, dessen Bedeutung sich erst im weiteren Verlauf erschließt. Der literarische Anfang ist damit nicht nur ein zeitlicher Ausgangspunkt, sondern auch der Moment, in dem ein Verhältnis zwischen dem Erzähler, der erzählten Welt und dem Leser hergestellt wird.
Andrea Del Lungo beschreibt das Incipit als Übergang « d’une parole qui n’est pas le texte à une parole qui est le texte » (Del Lungo, 1993, 134). Dieser Übergang beschränkt sich nicht notwendigerweise auf den ersten Satz. Vielmehr versteht Del Lungo darunter eine erste Texteinheit, die am Eintritt in die fiktionale Welt beginnt und mit einer wesentlichen Zäsur endet. Das Incipit übernimmt damit nicht nur eine orientierende Funktion, sondern steht zugleich in enger Beziehung zum weiteren Verlauf der Erzählung (Del Lungo, 1993, 137). Bereits der Anfang kann folglich Strukturen und Motive enthalten, deren Bedeutung sich erst im Rückblick auf das gesamte Werk erschließt.
Besondere Bedeutung gewinnt dieses Verhältnis von Anfang und Ende in autobiographischen Erzählungen. Hier liegt das erzählte Leben dem Schreibakt zumindest teilweise voraus. Der Erzähler blickt auf Ereignisse zurück, die er bereits erlebt hat, während die Figur seines früheren Selbst deren weiteren Verlauf noch nicht kennt. Zwischen dem erinnernden und dem erinnerten Ich entsteht dadurch eine zeitliche Distanz, die durch den Akt des Erzählens nicht nur überbrückt, sondern auch gestaltet wird. Der Anfang einer autobiographischen Erzählung wirft somit die Frage auf, aus welchem zeitlichen Standpunkt ein Leben erzählt wird und welche Bedeutung die Vergangenheit für die Gegenwart des Erzählers hat.
Diese Frage stellt sich in Marcel Prousts À la recherche du temps perdu, Alfred de Mussets La Confession d’un enfant du siècle und Jean-Paul Sartres Les Mots auf unterschiedliche Weise. Alle drei Werke greifen auf autobiographische Erfahrungen zurück, ohne sich auf die chronologische Darstellung einer vollständigen Lebensgeschichte zu beschränken. Ihre Erzähler nehmen vielmehr eine bestimmte Haltung gegenüber ihrer Vergangenheit ein, die sich bereits in der Gestaltung des jeweiligen Incipits zeigt.
Während Prousts Erzähler versucht, die Vergangenheit durch Erinnerung wiederzugewinnen und ihr im Erzählen eine neue Gegenwart zu verleihen, stellt de Musset den Schreibakt als Möglichkeit dar, sich von einem leidvollen Abschnitt seines Lebens zu distanzieren. Sartre wiederum richtet den Blick auf die eigene Kindheit und Familiengeschichte, um die Entstehung seines Selbstverständnisses kritisch zu untersuchen. Erinnerung ist damit in allen drei Werken nicht lediglich Gegenstand der Erzählung, sondern zugleich ein Mittel der Selbstdeutung.
Im Folgenden werden die Romananfänge der drei Werke vergleichend untersucht. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die zeitliche Position des Erzählers, die Verwendung der Tempora und die Anordnung der erinnerten Ereignisse das Verhältnis zwischen erzählendem und erlebendem Ich bestimmen. Dabei soll gezeigt werden, dass die autobiographischen Incipits nicht einfach den Beginn einer Lebensgeschichte markieren. Sie begründen vielmehr unterschiedliche Formen des Umgangs mit der eigenen Vergangenheit: ihre Wiedergewinnung bei Proust, ihre Distanzierung bei de Musset und ihre kritische Neubewertung bei Sartre.
Autobiographie, Memoiren und Geständnisse
Die Werke Les Mots von Jean-Paul Sartre, La Confession d’un enfant du siècle von Alfred de Musset und À la recherche du temps perdu von Marcel Proust greifen in unterschiedlichem Umfang auf autobiographische Erfahrungen zurück. Ihre Zuordnung zur Gattung Autobiographie ist jedoch keineswegs eindeutig. Während Sartres Les Mots ausdrücklich als autobiographische Erzählung verstanden werden kann, verbinden de Musset und Proust persönliche Erinnerungen mit fiktionalen Elementen und gesellschaftlichen Betrachtungen. Für eine vergleichende Untersuchung stellt sich deshalb zunächst die Frage, in welchem Verhältnis Autor, Erzähler und Hauptfigur zueinander stehen und welche Funktion die Erinnerung innerhalb der jeweiligen Erzählung übernimmt.
Rainer Hess, Gustav Siebenmann, Mireille Frauenrath und Tilbert Stegmann definieren die Autobiographie im Literaturwissenschaftlichen Wörterbuch für Romanisten unter anderem durch die Identität von Autor, Erzähler und Hauptperson (Hess, 1989, 18). Diese Identität begründet eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Autor und Leser, die auf dem Anspruch beruht, dass die erzählte Lebensgeschichte auf tatsächlichen Erfahrungen des Verfassers basiert. Entscheidend ist dabei nicht allein die Wahl der Erzählperspektive, sondern auch die Glaubwürdigkeit, die der Autor gegenüber seiner Leserschaft beansprucht.
Bei Sartres Les Mots ist dieser autobiographische Bezug ausdrücklich gegeben. Der Autor blickt auf seine Kindheit zurück und untersucht die familiären und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sich sein Selbstverständnis entwickelte. Allerdings umfasst die Erzählung keine vollständige Lebensgeschichte, sondern konzentriert sich auf die ersten Lebensjahre. Die Kindheit erscheint dabei nicht als abgeschlossener Lebensabschnitt, dessen Ereignisse lediglich rekonstruiert werden. Vielmehr unterzieht der erwachsene Erzähler seine frühen Erfahrungen einer selbstironischen und kritischen Betrachtung. Die zeitliche Distanz zwischen dem erzählenden und dem erlebenden Ich ermöglicht es ihm, die eigene Vergangenheit aus einer Perspektive zu beurteilen, die dem Kind noch nicht zur Verfügung stand.
Auch Alfred de Mussets La Confession d’un enfant du siècle beschränkt sich auf einen Ausschnitt eines Lebens. Die Erzählung schildert die Erfahrungen des jungen Octave über einen Zeitraum von drei Jahren und verarbeitet zugleich autobiographische Motive, insbesondere im Zusammenhang mit de Mussets Beziehung zu George Sand. Dennoch ist die Gleichsetzung zwischen Autor und Erzähler problematisch. Frank Lestringant betont im Vorwort zur Ausgabe von 2003:
« La Confession n’est pas exactement une autobiographie. Comme il est dit aux toutes premières lignes : ‘Pour écrire l’histoire de sa vie, il faut d’abord avoir vécu’. Le livre ne contiendra donc que des aveux partiels. […] Elle est allégorie d’une génération entière l’image en raccourci d’un siècle sur lequel pèse une malédiction originelle. » (Lestringant, 2003, 9f.)
Die persönliche Lebensgeschichte dient damit zugleich als Ausgangspunkt für die Darstellung einer ganzen Generation. Bereits der Titel verweist auf die Tradition des literarischen Bekenntnisses, die insbesondere durch Jean-Jacques Rousseaus Confessions geprägt wurde. Anders als bei einer chronologisch angelegten Lebensbeschreibung steht bei de Musset jedoch nicht die Rekonstruktion einer individuellen Biographie im Vordergrund. Vielmehr wird die persönliche Erfahrung zum Beispiel einer gesellschaftlich und historisch bedingten Krise. Die Erinnerung erhält dabei eine doppelte Funktion: Sie ermöglicht dem Erzähler die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit und soll zugleich anderen, die an derselben moralischen Krankheit leiden, als Anschauung dienen.
Noch schwieriger gestaltet sich die gattungsspezifische Einordnung von Marcel Prousts À la recherche du temps perdu. Der Romanzyklus verarbeitet zahlreiche autobiographische Erfahrungen, ohne dass der Erzähler mit dem historischen Autor gleichgesetzt werden kann. Elyane Dezon-Jones verweist in ihrer Einleitung zu Du côté de chez Swann auf die unterschiedlichen literarischen und autobiographischen Ursprünge des Werkes:
« C’est à la fois la mise en forme romanesque d’écrits de jeunesse, rédigés pour certains d’entre eux ‘dès l’âge de quatorze ans’, et la ré-écriture de textes antérieures sur l’art, l’amour et les phénomènes de mémoire involontaire, aussi bien que le commencement du Livre à venir, le début du roman de Marcel Proust. » (Dezon-Jones, 1992, 7)
Die Recherche verbindet somit Erinnerungen, gesellschaftliche Beobachtungen und Reflexionen über Kunst und Literatur zu einer Erzählung, deren Gegenstand zugleich ihre eigene Entstehung ist. Gaëtan Picon bezeichnet das Werk dementsprechend nicht nur als Geschichte eines Lebens, sondern auch als Geschichte eines Buches (Picon, 1995, 31). Der Erzähler sucht in seiner Vergangenheit nach Erfahrungen, deren Bedeutung sich ihm erst im Rückblick erschließt. Die Erinnerung ist dabei nicht lediglich ein Mittel zur Rekonstruktion vergangener Ereignisse, sondern bildet die Voraussetzung für die Erkenntnis seiner eigenen schriftstellerischen Berufung.
Trotz ihrer unterschiedlichen Gattungszugehörigkeit verbindet die drei Werke somit eine grundlegende erzählerische Konstellation. In allen drei Fällen blickt ein Erzähler auf eine Vergangenheit zurück, deren Bedeutung er aus seiner gegenwärtigen Perspektive neu bestimmt. Das erinnerte Ich verfügt dabei nicht über dasselbe Wissen wie das erzählende Ich. Aus dieser Differenz entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen der zeitlichen Abfolge der erlebten Ereignisse und ihrer nachträglichen Deutung.
Die autobiographische Dimension der Werke liegt folglich nicht allein in der Verwendung persönlicher Erfahrungen, sondern insbesondere in der erzählerischen Auseinandersetzung mit einer früheren Gestalt des eigenen Ichs. Während Proust die Vergangenheit durch Erinnerung wiederzugewinnen versucht, stellt de Musset das Bekenntnis in den Dienst einer angestrebten Befreiung von vergangenen Erfahrungen. Sartre wiederum nutzt die Rückschau, um die Entstehung seiner Identität kritisch zu hinterfragen. Für die folgende Untersuchung ist daher weniger die eindeutige Zuordnung zu einer literarischen Gattung entscheidend als die Frage, wie diese unterschiedlichen Formen der Selbstdeutung bereits in den Romananfängen durch die Gestaltung der Zeit zum Ausdruck kommen.
Prousts Leser, Erzähler und Held:
Die Gegenwart der Vergangenheit
Marcel Prousts À la recherche du temps perdu ist nicht nur die Geschichte eines Lebens, sondern zugleich die Geschichte der Entstehung eines literarischen Werkes. Der Erzähler blickt auf seine Vergangenheit zurück und sucht in seinen Erinnerungen nach Erfahrungen, deren Bedeutung sich ihm erst nachträglich erschließt. Gaëtan Picon beschreibt diese doppelte Bewegung folgendermaßen:
« Histoire d’une vie, À la recherche du temps perdu est aussi l’histoire d’un livre. On voit quelqu’un – le héros – avancer dans l’existence, recherchant ce qui est de l’ordre de l’existence […] En même temps, on voit le héros – qui est aussi le narrateur – chercher le sujet d’un livre qu’il veut écrire. Ce sujet se découvre à la fin de l’œuvre : au moment où cesse la narration de la vie. » (Picon, 1995, 31)
Damit sind zwei unterschiedliche zeitliche Perspektiven innerhalb derselben Erzählung angelegt. Während der Held sein Leben von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter durchläuft, blickt der Erzähler aus einer späteren Gegenwart auf diese Entwicklung zurück. Für das erlebende Ich liegt die Zukunft noch im Ungewissen, für das erzählende Ich gehören die Ereignisse bereits der Vergangenheit an. Diese unterschiedlichen Wissensstände bestimmen nicht nur die Darstellung der Zeit, sondern auch die Bedeutung, die einzelne Erfahrungen innerhalb der Erzählung erhalten.
Picon unterscheidet dementsprechend zwischen einer vorwärtsgerichteten Bewegung des Helden, dem « mouvement progressif », und der rückblickenden Suche des Erzählers. Die scheinbar chronologische Entwicklung ist insofern nur eine Perspektive auf die erzählte Geschichte, denn ihr Verlauf wird von einem Erzähler gestaltet, der die späteren Ereignisse bereits kennt. Was für den Helden eine noch unbekannte Zukunft darstellt, gehört für den Erzähler zu einer abgeschlossenen Vergangenheit. Die zeitliche Bewegung der Erzählung ist somit nicht mit der zeitlichen Bewegung des Erlebens identisch.
Diese Konstellation erhält innerhalb der Recherche eine besondere Bedeutung, da die Erkenntnis der eigenen schriftstellerischen Berufung erst am Ende des Romanzyklus erfolgt. Der Erzähler sucht folglich in seiner Vergangenheit nach dem Gegenstand eines Werkes, dessen Entstehung selbst Teil der erzählten Entwicklung ist. Anfang und Ende stehen dadurch in einem wechselseitigen Verhältnis: Erst vom Ende her wird deutlich, welche Bedeutung den Erfahrungen zukommt, die zu Beginn geschildert werden. Zugleich eröffnet der Anfang eine Erzählung, deren eigentlicher Gegenstand sich erst im Verlauf der Rückschau herausbildet.
Jean-Yves Tadié weist darauf hin, dass der zeitliche Ausgangspunkt des Romananfangs nach den Ereignissen des Aufenthalts in Tansonville situiert werden kann, die im letzten Band, Le Temps retrouvé, geschildert werden (Tadié, 1971, 217). Damit beginnt die Recherche nicht am chronologischen Anfang der Lebensgeschichte des Helden. Vielmehr setzt die Erzählung von einem späteren Zeitpunkt aus ein, von dem aus unterschiedliche Abschnitte der Vergangenheit erinnert und miteinander verbunden werden.
Diese rückblickende Erzählposition bedeutet allerdings nicht, dass die Vergangenheit lediglich als eine abgeschlossene Folge von Ereignissen erscheint. Zwar lassen sich die Erlebnisse des Helden nachträglich nicht mehr verändern, doch ist ihre Bedeutung keineswegs endgültig festgelegt. Erst im Prozess des Erinnerns und Erzählens werden Zusammenhänge sichtbar, die dem erlebenden Ich noch verborgen bleiben mussten. Die Vergangenheit ist somit nicht nur Gegenstand der Erzählung, sondern wird durch die Perspektive des Erzählers fortwährend neu gedeutet.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Verwendung der Tempora. Tadié betrachtet insbesondere das Imparfait als ein erzählerisches Mittel, durch das die Vergangenheit innerhalb der Recherche eine eigene Gegenwärtigkeit erhält:
« l'imparfait, le passé de la Recherche, […] marquent la découverte et l'incarnation du passé non plus seulement dans les extases de mémoire […] mais aussi dans le récit lui-même. C'est l'imparfait qui transforme l'action – et le monde – en spectacle. » (Tadié, 1971, 302f.)
Das Imparfait kennzeichnet damit nicht nur vergangene Ereignisse. Es ermöglicht zugleich die Darstellung von Zuständen, Gewohnheiten und wiederkehrenden Erfahrungen, die sich nicht auf einen einzelnen abgeschlossenen Moment reduzieren lassen. Die Vergangenheit erscheint nicht ausschließlich als etwas, das einmal geschehen ist, sondern als eine Erfahrungswelt, die im Erzählen erneut Gestalt annimmt.
Bereits der erste Satz des Romans verdeutlicht diese besondere zeitliche Struktur: « Longtemps, je me suis couché de bonne heure. » (Proust, 1992, 45). Mit longtemps wird eine unbestimmte Dauer eröffnet, deren Beginn und Ende zunächst offenbleiben. Das Passé composé verweist auf eine vergangene Gewohnheit, ohne sie in einem genau bezeichneten historischen Augenblick zu verorten. Der Leser erfährt weder, wann diese Gewohnheit begann, noch von welchem Zeitpunkt aus der Erzähler auf sie zurückblickt. Der Roman beginnt somit nicht mit einem einmaligen Ereignis, sondern mit der Erinnerung an einen wiederholten Zustand.
Auch der folgende Satz löst diese zeitliche Unbestimmtheit nicht auf: « Parfois à peine ma bougie éteinte, mes yeux se fermaient si vite que je n'avais pas le temps de dire : ‘Je m'endors’. » (Proust, 1992, 45). Das Imparfait und das Adverb parfois führen die iterative Struktur fort. Der Erzähler schildert keine einzelne Nacht, sondern eine Erfahrung, die sich über einen längeren Zeitraum wiederholt hat. Die genaue zeitliche Einordnung bleibt dabei ebenso offen wie die Frage, zu welchem Lebensabschnitt die geschilderten Nächte gehören.
Der Wechsel zwischen Passé composé und Imparfait ist deshalb nicht lediglich eine grammatische Variation. Während das Passé composé im ersten Satz die Gewohnheit aus einer späteren Erzählgegenwart heraus zusammenfasst, entfaltet das Imparfait die wiederholte Erfahrung innerhalb der erinnerten Vergangenheit. Bereits in den ersten beiden Sätzen entsteht damit ein Spannungsverhältnis zwischen der rückblickenden Perspektive des Erzählers und der zeitlichen Dauer des Erlebten.
Hinzu kommt, dass Proust die verschiedenen Zeitebenen nicht ausschließlich durch Vergangenheitsformen voneinander abgrenzt. Tadié unterscheidet innerhalb der Erzählung zwei Formen der Gegenwärtigkeit:
« L'imparfait, qui est en réalité le présent raconté, et le présent de l'indicatif, qui est le temps du narrateur revoyant, revivant la scène, et qu'on a appelé ‘un présent ultime, un présent de fin de vie’. » (Tadié, 1971, 306)
Während das Imparfait die Vergangenheit als erzählte Gegenwart erscheinen lässt, kann das Présent de l'indicatif die Perspektive des Erzählers hervorheben, der eine Erfahrung betrachtet, vergegenwärtigt oder reflektiert. Der Tempuswechsel markiert somit nicht zwangsläufig einen Wechsel zwischen verschiedenen chronologischen Zeitpunkten. Er kann ebenso auf unterschiedliche Formen des Erinnerns und der Wahrnehmung verweisen.
Besonders deutlich wird dieses Verfahren in der Darstellung des nächtlichen Erwachens. Der Erzähler befindet sich zwischen Schlaf und Wachzustand, wobei Erinnerungen an verschiedene Lebensabschnitte ineinander übergehen. Im Schlaf verliert er zeitweilig die Orientierung in seiner eigenen Vergangenheit und findet sich in Räumen wieder, die unterschiedlichen Lebensphasen angehören. Erst mit dem Erwachen beginnt er, seine Umgebung und die damit verbundenen Erinnerungen wieder zeitlich einzuordnen.
Proust beschreibt diesen Vorgang unter anderem mit dem Bild einer Rückkehr in eine längst vergangene Lebensphase: « ou bien en dormant j'avais rejoint sans effort un âge à jamais révolu de ma vie primitive » (Proust, 1992, 46). Der Schlaf ermöglicht hier eine unmittelbare Rückkehr in die Vergangenheit, die keiner bewussten gedanklichen Anstrengung bedarf. Das erlebende Ich scheint für einen Moment erneut in einem früheren Lebensalter zu existieren, bevor das erwachende Bewusstsein die zeitliche Distanz wiederherstellt.
Damit wird der Schlaf zu einem Zustand, in dem die chronologische Ordnung der Erinnerung vorübergehend aufgehoben ist. Unterschiedliche Erfahrungen können nebeneinander auftreten, ohne dass sie bereits in eine zusammenhängende Lebensgeschichte eingeordnet wären. Der Wachzustand stellt diese Ordnung nicht einfach wieder her, sondern macht dem Erzähler zugleich bewusst, dass die Vergangenheit nur noch in der Erinnerung zugänglich ist.
Die zeitliche Struktur des Incipits verweist damit bereits auf ein wesentliches Problem der gesamten Recherche: Das vergangene Leben lässt sich nicht unmittelbar wiederholen, kann jedoch durch Erinnerung und Erzählung erneut gegenwärtig werden. Der Erzähler bewegt sich folglich nicht nur rückwärts durch seine Lebensgeschichte. Er versucht zugleich, die zunächst unverbunden erscheinenden Erfahrungen in einen Zusammenhang zu bringen und ihre Bedeutung für seine Gegenwart zu erkennen.
Die Vergangenheit ist bei Proust daher weder vollständig abgeschlossen noch mit der Gegenwart identisch. Sie existiert als Erinnerung weiter und gewinnt im Akt des Erzählens eine neue Bedeutung. Die Spannung zwischen erlebter und erzählter Zeit bildet damit bereits im Incipit die Voraussetzung für jene Suche, deren Ergebnis sich erst am Ende des Romanzyklus erschließt.
Aktive zeitliche Gestaltung des Werkes durch den Leser
Die zeitliche Unbestimmtheit des Incipits stellt nicht nur den Erzähler vor die Aufgabe, unterschiedliche Erinnerungen miteinander in Beziehung zu setzen. Auch der Leser muss die zunächst unverbunden erscheinenden zeitlichen Abschnitte im Verlauf der Lektüre zu einer zusammenhängenden Lebensgeschichte ordnen. Während der Erzähler auf bereits Erlebtes zurückblickt, verfügt der Leser zu Beginn noch nicht über das Wissen, das für eine vollständige Einordnung der geschilderten Ereignisse erforderlich wäre. Die zeitliche Distanz zwischen dem erzählenden und dem erlebenden Ich wird damit durch eine weitere Differenz ergänzt: die zwischen dem Wissen des Erzählers und dem Wissen des Lesers.
Bereits der erste Satz, « Longtemps je me suis couché de bonne heure » (Proust, 1992, 45), eröffnet eine Vergangenheit, deren zeitliche Grenzen zunächst unbestimmt bleiben. Das Adverb longtemps verweist auf einen ausgedehnten Zeitraum, ohne dessen Beginn oder Ende zu bezeichnen. Der folgende Satz, « Parfois à peine ma bougie éteinte, mes yeux se fermaient si vite que je n'avais pas le temps de dire : ‘Je m'endors’ » (Proust, 1992, 45), konkretisiert zwar die wiederkehrende Erfahrung des Einschlafens, ermöglicht aber noch keine eindeutige zeitliche Situierung. Der Leser kann die geschilderten Nächte weder einem bestimmten Lebensalter zuordnen noch erkennen, von welchem Zeitpunkt aus der Erzähler auf sie zurückblickt.
Diese Unbestimmtheit wird durch die anschließenden Wechsel zwischen Schlaf, Traum und Erwachen verstärkt. Der Erzähler erinnert sich an vergangene Lektüren, deren Inhalte in seine Träume übergehen. Im Schlaf erscheint ihm die Grenze zwischen der eigenen Person und den Figuren oder Gegenständen des Gelesenen aufgehoben: « il me semblait que j'étais moi-même ce dont parlait l'ouvrage : une église, un quatuor, la rivalité de François Ier et de Charles-Quint » (Proust, 1992, 45).
Der Leser wird damit bereits am Anfang des Romans mit einer Erfahrung des Lesens konfrontiert, die zugleich das Verhältnis zwischen Wirklichkeit, Erinnerung und erzählter Welt thematisiert. Der schlafende Erzähler identifiziert sich mit dem Gegenstand seiner Lektüre und verliert vorübergehend die Unterscheidung zwischen dem eigenen Ich und dem Gelesenen. Erst mit dem Erwachen löst sich diese Identifikation auf: « le sujet du livre se détachait de moi, j'étais libre de m'y appliquer ou non » (Proust, 1992, 45).
Die Auflösung der Identifikation lässt sich zugleich als Hinweis auf die unterschiedliche Wahrnehmung im Traum und im Wachzustand verstehen. Während im Traum zeitliche und räumliche Grenzen aufgehoben erscheinen, setzt das erwachende Bewusstsein die Erfahrungen wieder zueinander in Beziehung. Eine vergleichbare Ordnungsleistung wird auch vom Leser der Recherche verlangt, der die zunächst unverbundenen Erinnerungen des Erzählers in einen größeren Zusammenhang einordnen muss. Allerdings besteht zwischen beiden Vorgängen keine vollständige Gleichsetzung. Anders als der schlafende Erzähler verfügt der Leser über einen Text, dessen Anordnung bereits festgelegt ist. Seine Aufgabe besteht nicht darin, die Ereignisse neu zu schaffen, sondern ihre Beziehungen im Verlauf der Lektüre zu erkennen.
Jochen Mecke beschreibt diese besondere Funktion des Lesers im modernen Roman:
„Die Art und Weise der Einordnung verschiedener, heterogener zeitlicher Segmente zu einem harmonischen Ganzen ist nicht mehr durch traditionelle Vorlagen präformiert, sondern durch die Lektüre erst zu erstellen. Daraus ergibt sich, dass sich die Einzelbedeutungen nicht schon bei der ersten Rezeption zu einem sinnvollen Ganzen, zu einer bestimmten Form verfestigen. Der moderne Roman erreicht die unmittelbare Einordnung der Signifikanten erst bei der zweiten Lektüre.“ (Mecke, 1990, 31)
Die zeitliche Ordnung der Erzählung erschließt sich somit nicht zwangsläufig in derselben Reihenfolge, in der die einzelnen Ereignisse präsentiert werden. Vielmehr kann die Bedeutung eines früheren Abschnitts von Informationen abhängen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt vermittelt werden. Die erste Lektüre führt den Leser durch die erzählte Vergangenheit, während eine erneute Lektüre die Möglichkeit eröffnet, bereits bekannte Ereignisse aus einer veränderten Perspektive zu betrachten.
Für die Recherche erhält dieser Vorgang eine besondere Bedeutung, da der Romanzyklus erst am Ende die Voraussetzungen seiner eigenen Entstehung offenlegt. Die Erkenntnis der schriftstellerischen Berufung des Helden ermöglicht es, die zuvor geschilderten Erfahrungen in einem neuen Zusammenhang zu verstehen. Mecke sieht die zweite Lektüre deshalb bereits in der Makrostruktur des Werkes angelegt. Erst nach Abschluss der Erzählung werde der Leser befähigt, die einzelnen Momente der Lebensgeschichte zu einem übergreifenden Ganzen zu verbinden (Mecke, 1990, 31).
Der Leser vollzieht damit eine Bewegung nach, die der rückblickenden Perspektive des Erzählers entspricht. Während der Held seine Erfahrungen zunächst ohne Kenntnis ihrer späteren Bedeutung durchlebt, kann der Erzähler sie aus der Perspektive seiner gewonnenen Erkenntnis neu ordnen. Der Leser nimmt während der ersten Lektüre eine dem Helden vergleichbare Position ein, da auch ihm die Bedeutung einzelner Ereignisse noch verborgen bleibt. Bei einer erneuten Lektüre nähert sich seine Perspektive dagegen jener des Erzählers an, der die Entwicklung bereits überblickt.
Diese doppelte Bewegung ist jedoch nicht mit einer einfachen Umkehrung der chronologischen Reihenfolge gleichzusetzen. Die einzelnen Erinnerungen sind innerhalb der Recherche nicht ausschließlich durch ihre zeitliche Abfolge miteinander verbunden. Wiederkehrende Motive, Bilder und Erfahrungen stellen Beziehungen zwischen Ereignissen her, die chronologisch weit auseinanderliegen können. Mecke spricht in diesem Zusammenhang von „symbolischen und thematischen Querverweisen“ (Mecke, 1990, 30), durch die die lineare Anordnung der Erzählung überlagert wird.
Eine solche Verbindung unterschiedlicher zeitlicher Ebenen wird bereits im Incipit durch die wiederkehrenden Bilder der Dunkelheit, des Erwachens und der räumlichen Orientierung vorbereitet. Der Erzähler erkennt beim nächtlichen Erwachen seine Umgebung zunächst nicht und muss sich vergegenwärtigen, in welchem Zimmer und damit in welchem Abschnitt seines Lebens er sich befindet. Die Orientierung im Raum ist auf diese Weise unmittelbar mit der Orientierung in der Zeit verbunden. Die verschiedenen Zimmer werden zu Bezugspunkten der Erinnerung, durch die unterschiedliche Lebensphasen aufgerufen werden können.
Auch die Metapher des Reisenden greift dieses Verhältnis zwischen räumlicher Bewegung und zeitlicher Erinnerung auf. Proust beschreibt einen Reisenden, dessen Weg durch neue Orte, ungewohnte Handlungen und zurückliegende Begegnungen geprägt wird:
« le voyageur se hâte vers la station prochaine ; et le petit chemin qu'il suit va être gravé dans son souvenir par l'excitation qu'il doit à des lieux nouveaux, à des actes inaccoutumés […] » (Proust, 1992, 45).
Die Reise führt den Reisenden in räumlicher und zeitlicher Hinsicht vorwärts, während die zurückgelegten Stationen zugleich zu Bestandteilen seiner Erinnerung werden. Das Bild veranschaulicht damit eine Bewegung, die auch der Lektüre der Recherche zugrunde liegt: Mit jedem weiteren Abschnitt erweitert sich das Wissen des Lesers, während bereits gelesene Passagen in der Erinnerung erhalten bleiben und durch spätere Ereignisse eine neue Bedeutung gewinnen können.
Der Leser folgt somit nicht lediglich der fortschreitenden Lebensgeschichte des Helden. Er wird zugleich dazu veranlasst, frühere Abschnitte im Licht späterer Erkenntnisse neu zu betrachten. In diesem Sinne lässt sich die zweite Lektüre als Wiederholung der rückblickenden Bewegung verstehen, die auch den Schreibakt des Erzählers bestimmt. Mecke bezeichnet sie als eine „Wiederholung des Schreibaktes auf einer anderen Ebene“ (Mecke, 1990, 88).
Die besondere zeitliche Struktur der Recherche beruht daher nicht auf einer beliebigen Anordnung austauschbarer Erinnerungen. Vielmehr werden die einzelnen Zeitsegmente durch ihre Position innerhalb der Erzählung sowie durch motivische und thematische Beziehungen miteinander verknüpft. Ihre Bedeutung erschließt sich jedoch nicht vollständig aus dem jeweiligen Abschnitt selbst, sondern entsteht im Zusammenhang mit dem gesamten Werk.
Damit übernimmt der Leser eine aktive Rolle bei der Rekonstruktion der erzählten Zeit. Der Anfang der Recherche ist aus dieser Perspektive nicht nur der Eintritt in eine zunächst unbekannte Romanwelt, sondern auch der Ausgangspunkt einer Lektüre, deren Bedeutung sich erst vom Ende her vollständig erschließen kann. Die erste Lektüre folgt dem Weg des Helden durch die Zeit, während die zweite die rückblickende Perspektive des Erzählers nachvollzieht. Anfang und Ende bilden so keine voneinander unabhängigen Grenzen der Erzählung, sondern stehen in einem wechselseitigen Verhältnis, das die zeitliche Struktur des gesamten Werkes bestimmt.
Geburt der Romanwelt
Mit dem ersten Satz der Recherche eröffnet Proust eine Romanwelt, deren räumliche und zeitliche Konturen zunächst unbestimmt bleiben. Weder wird ein konkreter Handlungsort benannt, noch lässt sich die geschilderte Gewohnheit des frühen Zubettgehens einem bestimmten Lebensabschnitt zuordnen. Der Erzähler führt den Leser nicht unmittelbar in eine klar umrissene Umgebung, sondern zunächst in einen Bewusstseinszustand, in dem die Grenzen zwischen Schlaf, Traum und Erinnerung ineinander übergehen. Die erzählte Welt entsteht damit nicht durch die Beschreibung äußerer Gegebenheiten, sondern wird schrittweise aus der Wahrnehmung des Erzählers entwickelt.
Gaëtan Picon misst bereits den ersten Worten des Romans eine besondere Bedeutung bei:
« Cette voix jamais entendue auparavant, les premiers mots […] la font entendre ; et nous sentons en elle comme un pouvoir de durer la rectitude d’un sillage qui ne faiblira pas. » (Picon, 1995, 43)
Die Stimme des Erzählers stellt demnach das erste verbindende Element einer Erzählung dar, deren zeitliche und räumliche Ordnung sich erst allmählich erschließt. Noch bevor der Leser die Umgebung des Helden kennenlernt, wird er mit dessen Wahrnehmung und Erinnerung konfrontiert. Die Erzählerstimme schafft damit eine Kontinuität, die zunächst weder durch eine chronologische Ereignisfolge noch durch einen eindeutig bestimmten Schauplatz gewährleistet wird.
Diese besondere Erzählweise zeigt sich bereits in der iterativen Struktur des Anfangs. Die wiederholte Erfahrung des Einschlafens und Erwachens lässt zunächst keine fortschreitende Handlung erkennen. An die Stelle einer Abfolge einmaliger Ereignisse tritt die Schilderung eines Zustandes, der sich über einen längeren Zeitraum erstreckt. Die Zeit scheint dabei nicht vollständig stillzustehen, doch ihr Fortschreiten wird nicht anhand äußerer Veränderungen sichtbar. Vielmehr bestimmen wiederkehrende Erfahrungen die Wahrnehmung des Erzählers.
Erst im Verlauf der nächtlichen Wachzustände beginnen sich einzelne Erinnerungsbilder herauszubilden. Der Erzähler befindet sich zunächst in einer Dunkelheit, in der er seine Umgebung nicht eindeutig erkennen kann. Beim Erwachen muss er sich vergegenwärtigen, wo er sich befindet und welchem Abschnitt seines Lebens die ihn umgebenden Räume angehören. Dabei überlagern sich unterschiedliche Orte und Zeiten. Die räumliche Orientierung ist folglich nicht von der Erinnerung zu trennen, sondern wird erst durch sie ermöglicht.
Das gilt insbesondere für die Erinnerungen an die Kindheit in Combray. Während der Erzähler schläft, kann er sich ohne bewusste Anstrengung in einem längst vergangenen Lebensalter wiederfinden: « ou bien en dormant j'avais rejoint sans effort un âge à jamais révolu de ma vie primitive » (Proust, 1992, 46). Die Vergangenheit erscheint in diesem Moment nicht als distanziert betrachtetes Ereignis, sondern als unmittelbar gegenwärtige Erfahrung. Der Erzähler erlebt sich vorübergehend erneut als sein jüngeres Selbst.
Diese Rückkehr ist jedoch an den Zustand des Schlafes gebunden. Sobald der Erzähler erwacht, erkennt er die zeitliche Distanz zwischen seinem gegenwärtigen Ich und der erinnerten Erfahrung. So löst sich auch die Begegnung mit dem Großonkel, der ihn an den Locken zieht, als Erinnerung an eine längst vergangene Situation auf. Die zunächst unmittelbar erfahrene Vergangenheit wird im Wachzustand als solche erkannt und zeitlich eingeordnet.
Der Wechsel zwischen Schlaf und Erwachen führt somit nicht nur zu einer Veränderung des Bewusstseinszustandes. Er bestimmt zugleich, in welcher Form die Vergangenheit zugänglich wird. Im Schlaf können unterschiedliche Lebensphasen ohne erkennbare Übergänge ineinander übergehen. Das erwachende Bewusstsein versucht dagegen, diese Erfahrungen voneinander zu unterscheiden und sie in einen zeitlichen Zusammenhang zu bringen.
Die Dunkelheit, die den Erzähler umgibt, erhält vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung. Sie beschränkt nicht nur seine räumliche Orientierung, sondern verweist zugleich auf die Unsicherheit seiner Wahrnehmung. Proust beschreibt die Umgebung als « une obscurité douce et reposante pour mes yeux, mais peut-être plus encore pour mon esprit, à qui elle apparaissait […] comme une chose vraiment obscure » (Proust, 1992, 45).
Das Wortspiel zwischen obscurité und obscure verbindet die sinnlich wahrnehmbare Dunkelheit mit einem Zustand geistiger Unklarheit. Was dem Auge verborgen bleibt, ist zunächst auch dem Bewusstsein nicht zugänglich. Die Dunkelheit bezeichnet damit nicht ausschließlich die nächtliche Umgebung, sondern zugleich die Schwierigkeit des Erzählers, seine gegenwärtige Situation zu erfassen.
Erst durch die Erinnerung gewinnen die zunächst unbestimmten Räume und Erfahrungen eine erkennbare Gestalt. Die Romanwelt wird folglich nicht als bereits vollständig geordnete Wirklichkeit präsentiert. Sie entsteht für den Leser in dem Maße, in dem der Erzähler einzelne Wahrnehmungen und Erinnerungen sprachlich miteinander verbindet. Die Bewegung vom unbestimmten Bewusstseinszustand zur erkennbaren Umgebung lässt sich daher auch als Prozess der erzählerischen Weltbildung verstehen.
Picon formuliert diesen Zusammenhang mit Blick auf den ersten Satz des Romans:
« Cette première phrase n'est pas le reflet d'un univers qui lui préexiste : elle est l'appel d'un univers qui n'existera qu'à partir d'elle. » (Picon, 1995, 47)
Der erste Satz bildet demnach nicht einfach eine Romanwelt ab, die unabhängig von der Erzählung bereits existiert. Vielmehr eröffnet er den sprachlichen Raum, in dem diese Welt für den Leser überhaupt erst Gestalt annimmt. Der Erzähler stellt die Vergangenheit nicht als eine von Anfang an geschlossene Wirklichkeit dar, sondern entwickelt sie aus einzelnen Erinnerungen, deren Beziehungen erst im Verlauf der Erzählung sichtbar werden.
Diese Beobachtung verbindet die Entstehung der Romanwelt mit der zeitlichen Struktur der Recherche. Da die Vergangenheit dem Erzähler nicht in einer vollständigen und unveränderlichen Ordnung zur Verfügung steht, muss ihre Darstellung im Erzählen hergestellt werden. Die Erinnerungen werden dabei nicht lediglich reproduziert, sondern ausgewählt, miteinander verknüpft und aus einer späteren Perspektive gedeutet.
Der Beginn der Recherche ist somit in mehrfacher Hinsicht ein Anfang. Er markiert den Eintritt des Lesers in die erzählte Welt, führt zugleich in die besondere Wahrnehmung des Erzählers ein und verweist auf den Prozess, durch den vergangene Erfahrungen überhaupt zum Gegenstand einer literarischen Erzählung werden.
Damit zeigt sich bereits im Incipit ein wesentliches Merkmal des gesamten Romanzyklus: Die Vergangenheit ist nicht einfach eine abgeschlossene Wirklichkeit, die der Erzähler unverändert wiedergeben könnte. Erst durch Erinnerung und sprachliche Gestaltung wird sie zu einer erzählbaren Welt. Der literarische Anfang steht folglich nicht am Beginn des erinnerten Lebens, sondern am Beginn seiner erzählerischen Rekonstruktion.
Das Präsens bei de Musset als Gegenwart eines veränderten Ichs
Ähnlich wie Proust beginnt Alfred de Musset seine Confession d'un enfant du siècle mit einem Blick auf bereits gelebtes Leben. Während Prousts Erzähler jedoch versucht, seine Vergangenheit durch Erinnerung wiederzugewinnen, verbindet de Mussets Erzähler die Rückschau mit der Absicht, sich von einem Teil seiner eigenen Geschichte zu lösen. Bereits der erste Satz des Incipits bringt dieses Verhältnis zur Vergangenheit in einem scheinbaren Widerspruch zum Ausdruck: « Pour écrire l'histoire de sa vie, il faut d'abord avoir vécu ; aussi n'est-ce pas la mienne que j'écris. » (de Musset, 2003, 57)
Der erste Teil des Satzes formuliert zunächst eine allgemeingültige Voraussetzung autobiographischen Erzählens: Wer über sein Leben schreiben will, muss die geschilderten Erfahrungen bereits gemacht haben. Der zweite Teil stellt jedoch gerade diesen Zusammenhang infrage. Wenn der Erzähler nicht seine eigene Lebensgeschichte niederschreibt, wessen Geschichte erzählt er dann? Handelt es sich um die Erfahrungen eines anderen, oder betrachtet er sein früheres Ich bereits als eine Person, mit der er sich nicht mehr identifiziert?
Die Auflösung dieses scheinbaren Paradoxons erfolgt durch die anschließende Krankheits- und Amputationsmetaphorik. Der Erzähler vergleicht die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit mit der Entfernung eines von Gangrän befallenen Körperteils. Ein Abschnitt des eigenen Lebens wird dabei wie ein erkranktes Glied behandelt, das vom übrigen Körper abgetrennt und der Öffentlichkeit zur Untersuchung vorgelegt werden kann. Die Metapher überträgt einen medizinischen Eingriff auf den Umgang mit persönlichen Erinnerungen. Wie ein kranker Körperteil erscheint die belastende Vergangenheit als etwas, das zwar zur eigenen Geschichte gehört, von dem sich der Erzähler aber zu befreien versucht.
Frank Lestringant greift diesen Zusammenhang in seinem Vorwort auf und beschreibt die Confession als eine Form der Amputation, durch die sich der Erzähler eines belastenden Teils seiner Vergangenheit entledigen möchte (Lestringant, 2003, 9f.). Der Schreibakt wird damit zu einem Versuch der Selbstheilung. Allerdings setzt die Metapher bereits eine Unterscheidung zwischen dem gegenwärtigen Erzähler und seinem früheren Ich voraus. Nur wenn er den vergangenen Lebensabschnitt als etwas Abgrenzbares betrachtet, kann er überhaupt den Anspruch erheben, ihn aus seiner gegenwärtigen Identität herauszulösen.
Diese Distanzierung bedeutet jedoch nicht, dass die Vergangenheit tatsächlich überwunden wäre. Vielmehr erklärt der Erzähler bereits zu Beginn seine Absicht, durch das Niederschreiben eine solche Trennung herbeizuführen. Die Krankheit gehört einer vergangenen Lebensphase an, ihre Folgen reichen jedoch bis in die Gegenwart des Erzählens hinein. Der Text entsteht somit gerade aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach Befreiung und der fortbestehenden Bindung an das Erlebte.
Die zeitliche Struktur des Incipits verdeutlicht diesen Zusammenhang. Mit der Formulierung « ayant été atteint, dans la première fleur de la jeunesse, d'une maladie morale abominable » (de Musset, 2003, 57) verlegt der Erzähler den Beginn seiner Erkrankung in die Vergangenheit. Das Partizip Perfekt stellt die Erkrankung als einen der gegenwärtigen Erzählsituation vorausgehenden Vorgang dar. Daraus folgt jedoch noch nicht, dass ihre Auswirkungen überwunden sind. Vielmehr bleibt die Krankheit der Anlass für den gegenwärtigen Schreibakt.
Dieser wird ausdrücklich im Präsens formuliert: « je raconte ce qui m'est arrivé pendant trois ans » (de Musset, 2003, 57). Die Gegenüberstellung von je raconte und ce qui m'est arrivé unterscheidet den aktuellen Akt des Erzählens von den Ereignissen, die bereits zurückliegen. Das Präsens bezeichnet die Tätigkeit des gegenwärtigen Ichs, während das Passé composé die geschilderten Erfahrungen in ein Verhältnis zu dieser Gegenwart setzt. Der Erzähler berichtet somit nicht einfach aus einer zeitlichen Distanz heraus, sondern nutzt den Abstand zwischen Erleben und Erzählen, um seiner Vergangenheit eine neue Bedeutung zu geben.
Anders als bei Proust steht dabei nicht die Wiedergewinnung vergangener Erfahrungen im Vordergrund. De Mussets Erzähler will die Vergangenheit vielmehr als einen abgeschlossenen Abschnitt seines Lebens betrachten können. Er beschränkt seine Darstellung ausdrücklich auf drei Jahre und erhebt damit keinen Anspruch, eine vollständige Lebensgeschichte zu erzählen. Die zeitliche Eingrenzung entspricht der Amputationsmetapher: Ein bestimmter Abschnitt wird aus dem bisherigen Lebenszusammenhang herausgelöst und zum Gegenstand einer eigenständigen Betrachtung gemacht.
Allerdings ist diese Betrachtung nicht ausschließlich auf das eigene Ich gerichtet. Der Erzähler begründet sein Schreiben auch mit dem Hinweis auf andere, die an derselben moralischen Krankheit leiden: « comme il y en a beaucoup d'autres que moi qui souffrent du même mal, j'écris pour ceux-là » (de Musset, 2003, 57). Der Wechsel zwischen der vergangenen Erkrankung des Erzählers und dem gegenwärtigen Leiden der anderen verleiht dem Text eine über die individuelle Lebensgeschichte hinausreichende Bedeutung.
Die Verwendung des Präsens in souffrent stellt die Krankheit als ein fortbestehendes Phänomen dar. Während der Erzähler seine eigene Erfahrung rückblickend betrachtet, befinden sich andere noch immer in einer vergleichbaren Lage. Die Vergangenheit des Einzelnen wird auf diese Weise mit der Gegenwart einer Generation verbunden. Was zunächst als persönliche Erinnerung erscheint, erhält den Charakter einer exemplarischen Erfahrung.
Darin liegt eine wesentliche Funktion des Geständnisses. Der Erzähler will nicht nur sein vergangenes Verhalten erklären, sondern die eigenen Erfahrungen öffentlich zur Beurteilung stellen. Die Amputationsmetapher beschreibt deshalb nicht allein die Trennung von der Vergangenheit, sondern auch ihre Verwandlung in einen Gegenstand der Untersuchung. Der leidende Mensch wird zum Beobachter seines eigenen Leidens. Zugleich übernimmt die Leserschaft die Rolle eines Publikums, das über die geschilderte Krankheit urteilen soll.
Die Absicht, anderen eine solche Betrachtung zu ermöglichen, ist jedoch nicht die einzige Motivation des Schreibens. Der Erzähler räumt ausdrücklich ein, dass die erhoffte Wirkung auf die Leser möglicherweise ausbleibt. Selbst in diesem Fall verspricht er sich einen persönlichen Nutzen von seiner Erzählung: « j'aurai encore retiré ce fruit de mes paroles de m'être mieux guéri moi-même » (de Musset, 2003, 58).
Das Futur antérieur ist in diesem Zusammenhang besonders aufschlussreich. Der Erzähler stellt die erhoffte Heilung als ein Ergebnis dar, das er nach dem Schreibakt erreicht haben wird. Die Genesung gehört damit nicht eindeutig der Gegenwart des Erzählens an, sondern wird als zukünftige Folge seines Handelns entworfen. Der Schreibprozess ist folglich nicht Ausdruck einer bereits abgeschlossenen Heilung, sondern soll diese erst ermöglichen.
Dies wird durch das abschließende Bild des gefangenen Fuchses verstärkt: « comme le renard pris au piège, j'aurai rongé mon pied captif » (de Musset, 2003, 57). Die Befreiung ist mit einem Verlust verbunden. Der Fuchs kann der Falle nur entkommen, indem er einen Teil seines Körpers opfert. Übertragen auf den Erzähler bedeutet dies, dass die angestrebte Distanzierung von der Vergangenheit nicht ohne die schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem eigenen früheren Ich möglich ist.
Die Metapher unterscheidet sich damit wesentlich von Prousts Umgang mit der Erinnerung. Während die Vergangenheit in der Recherche durch den Prozess des Erinnerns und Erzählens eine neue Gegenwärtigkeit erhält, soll sie bei de Musset in ihrer Bedeutung für das gegenwärtige Ich begrenzt werden. Der Erzähler will nicht zu seinem früheren Selbst zurückkehren, sondern sich von ihm unterscheiden können.
Paradoxerweise ist dazu gerade die erneute Beschäftigung mit den vergangenen Erfahrungen erforderlich. Um sich von der Vergangenheit zu lösen, muss der Erzähler sie zunächst vergegenwärtigen, sprachlich gestalten und öffentlich machen. Das Schreiben schafft somit zugleich Nähe und Distanz zum Erlebten. Die Vergangenheit wird erneut zum Gegenstand des Bewusstseins, soll dadurch aber ihre unmittelbare Macht über die Gegenwart verlieren.
Die unterschiedlichen Zeitformen des Incipits bilden diese Bewegung ab. Die Erkrankung wird als vergangenes Ereignis eingeführt, der Schreibakt findet in der Gegenwart statt, und die erhoffte Heilung wird auf einen zukünftigen Zeitpunkt bezogen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind folglich nicht voneinander getrennt, sondern durch den Vorgang des Erzählens miteinander verbunden. Die Vergangenheit liefert den Gegenstand, die Gegenwart ermöglicht seine Betrachtung, und die Zukunft erscheint als Möglichkeit eines veränderten Selbstverhältnisses.
Damit erhält der erste Satz der Confession eine zusätzliche Bedeutung. Die Behauptung, nicht die eigene Lebensgeschichte zu schreiben, ist weniger als tatsächliche Verneinung autobiographischen Erzählens zu verstehen denn als Ausdruck einer angestrebten Distanz zwischen dem gegenwärtigen und dem vergangenen Ich. Der Erzähler möchte sein früheres Selbst als etwas betrachten, das zwar Teil seiner Geschichte bleibt, seine gegenwärtige Identität jedoch nicht länger vollständig bestimmen soll.
Das Incipit ist somit nicht nur die Einleitung zu einer rückblickenden Lebensbeschreibung, sondern zugleich eine Absichtserklärung. Indem der Erzähler seine Geschichte zu schreiben beginnt, eröffnet er die Möglichkeit, sich selbst in ein neues Verhältnis zu seiner Vergangenheit zu setzen. Anders als bei Proust liegt die angestrebte Veränderung nicht primär in der Wiedergewinnung vergangener Zeit, sondern in der Befreiung von einer Erinnerung, deren Bedeutung für die Gegenwart neu bestimmt werden soll.
Reise des Helden als Reise des Lesers
Ähnlich wie bei Prousts Recherche beginnt Alfred de Mussets La Confession d'un enfant du siècle ohne eine genaue zeitliche oder räumliche Situierung der erzählten Ereignisse. Der Erzähler verweist zunächst lediglich auf eine zurückliegende Lebensphase, die er als moralische Erkrankung beschreibt. Erst im zweiten Kapitel wird mit der Darstellung der historischen Verhältnisse jener gesellschaftliche Hintergrund eingeführt, vor dem die Erfahrungen des jungen Octave zu verstehen sind. Das Incipit dient somit weniger der unmittelbaren Einführung in eine bestimmte Handlungssituation als der Erklärung, mit welcher Absicht und aus welcher Perspektive die Geschichte erzählt werden soll.
Bereits die zeitliche Eingrenzung auf drei Jahre verdeutlicht, dass der Erzähler keine vollständige Lebensgeschichte vorlegen will. Er wählt einen bestimmten Abschnitt seiner Vergangenheit aus, dessen Bedeutung er durch die nachträgliche Darstellung zu erklären versucht. Die Erzählung folgt damit nicht einfach der zeitlichen Abfolge eines Lebens, sondern einer Auswahl von Ereignissen, die aus der Perspektive des gegenwärtigen Erzählers als zusammengehörig erscheinen. Die chronologische Entwicklung des Helden wird von einer rückblickenden Deutung begleitet, die dem Leser bereits zu Beginn einen bestimmten Zugang zur Geschichte eröffnet.
Während Prousts Erzähler die Bedeutung seiner Erinnerungen erst im Verlauf der Recherche erschließt, bezeichnet de Mussets Erzähler seine Erfahrungen von Anfang an als Symptome einer moralischen Krankheit. Diese Deutung geht der eigentlichen Lebensgeschichte voraus. Noch bevor der Leser den jungen Octave kennenlernt, weiß er, dass dessen Erfahrungen als Ausdruck eines Leidens verstanden werden sollen. Damit wird die Wahrnehmung der folgenden Ereignisse bereits durch das Incipit beeinflusst.
Eine besondere Bedeutung erhält dabei die historische Dimension der Krankheit. Der Erzähler beschreibt nicht allein ein individuelles Leiden, sondern stellt seine Erfahrungen in einen Zusammenhang mit dem Lebensgefühl einer ganzen Generation. Frank Lestringant charakterisiert die Confession dementsprechend als « allégorie d'une génération entière » (Lestringant, 2003, 9f.). Die persönliche Geschichte des jungen Octave wird somit zum Ausgangspunkt einer umfassenderen Darstellung gesellschaftlicher und moralischer Verhältnisse.
Die Krankheit des Einzelnen erscheint vor diesem Hintergrund nicht als ausschließlich privates Schicksal. Vielmehr wird sie mit einer historisch bedingten Orientierungslosigkeit verbunden, die der Erzähler als gemeinschaftliche Erfahrung seiner Generation begreift. Bereits im Incipit verweist er auf andere Menschen, die an demselben Leiden erkrankt sind: « comme il y en a beaucoup d'autres que moi qui souffrent du même mal, j'écris pour ceux-là » (de Musset, 2003, 57).
Damit richtet sich das Geständnis ausdrücklich an eine Leserschaft, die sich in den Erfahrungen des Erzählers wiedererkennen könnte. Das individuelle Schicksal erhält eine exemplarische Funktion. Octaves Geschichte soll nicht allein die Entwicklung eines einzelnen Menschen verständlich machen, sondern zugleich Einsichten in ein Leiden vermitteln, das über seine Person hinausreicht.
Die Amputationsmetapher verdeutlicht diese Funktion des Textes. Der Erzähler stellt sein vergangenes Leiden der Öffentlichkeit zur Betrachtung und Beurteilung zur Verfügung. Die Leser sollen die Krankheit erkennen und untersuchen, die er anhand seiner eigenen Geschichte sichtbar machen will. In dieser Konstellation nimmt der Erzähler eine doppelte Position ein. Einerseits ist er selbst Gegenstand der Untersuchung, andererseits bestimmt er durch die Auswahl und Darstellung seiner Erinnerungen, auf welche Weise die Krankheit betrachtet werden kann.
Der Leser wird dadurch nicht lediglich zum Begleiter des Helden, sondern zugleich zu einem Beobachter, dem bereits eine bestimmte Interpretation des Geschehens angeboten wird. Seine Lektüre folgt den Erfahrungen des jungen Octave, während die einleitende Erklärung des Erzählers einen Deutungsrahmen vorgibt. Die einzelnen Ereignisse erscheinen damit von Anfang an in einem Zusammenhang, den der Held zum Zeitpunkt seines Erlebens noch nicht vollständig erkennen kann.
Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zur zeitlichen Gestaltung der Recherche. Prousts Leser muss die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Erinnerungen zunächst rekonstruieren und kann deren übergreifende Bedeutung erst im Rückblick auf das gesamte Werk erfassen. Bei de Musset hingegen wird das Ziel der erzählerischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bereits am Anfang benannt. Der Erzähler will die Ursachen seines Leidens darstellen und sich durch diesen Vorgang von einem belastenden Lebensabschnitt distanzieren.
Diese frühzeitige Deutung bedeutet jedoch nicht, dass der Leser sämtliche Zusammenhänge bereits kennt. Vielmehr muss die folgende Erzählung zeigen, wie der junge Octave in jene Situation gerät, die der Erzähler rückblickend als moralische Erkrankung beschreibt. Während der Erzähler den Ausgangspunkt seiner Betrachtung bereits festgelegt hat, muss der Leser die psychologische Entwicklung des Helden erst nachvollziehen.
Die zeitliche Anordnung der Ereignisse erfüllt dabei eine andere Funktion als bei Proust. De Mussets Erzählung folgt über weite Strecken der chronologischen Entwicklung des jungen Octave. Die Ereignisse werden in einer Reihenfolge dargestellt, die ihre psychologischen und kausalen Zusammenhänge nachvollziehbar machen soll. Der Leser begleitet den Helden durch eine Lebensphase, deren Erfahrungen erst aus der Distanz des Erzählers als zusammenhängende Entwicklung erscheinen.
Jochen Mecke unterscheidet in seiner Untersuchung Roman-Zeit zwischen Formen des Erzählens, bei denen die Beziehungen zwischen den einzelnen zeitlichen Elementen bereits durch eine übergreifende Ordnung vorstrukturiert sind, und solchen, bei denen diese Beziehungen erst im Verlauf der Lektüre erschlossen werden müssen (Mecke, 1990, 30f.). Diese Unterscheidung lässt sich auch für den Vergleich zwischen de Musset und Proust fruchtbar machen.
Während die Recherche ihre zeitlichen Zusammenhänge durch Erinnerungen, Überblendungen und thematische Verweise über den gesamten Romanzyklus verteilt, orientiert sich de Mussets Confession stärker an der Entwicklung eines zusammenhängenden Lebensabschnitts. Die zeitliche Reihenfolge der Ereignisse ist dabei eng mit dem Versuch verbunden, die Entstehung und die Folgen der moralischen Krankheit zu erklären. Die Vergangenheit wird nicht in erster Linie als ein Geflecht unterschiedlicher Erinnerungsmomente dargestellt, sondern als eine Entwicklung, deren Ursachen und Konsequenzen der Erzähler verstehen möchte.
Damit erhält die Reise des Helden zugleich die Funktion einer Untersuchung. Der Leser verfolgt nicht nur, was Octave widerfährt, sondern auch, wie die einzelnen Erfahrungen zu jenem Zustand beitragen, den der Erzähler bereits zu Beginn als Krankheit bezeichnet. Die chronologische Bewegung durch die Vergangenheit dient folglich der nachträglichen Erklärung einer persönlichen Entwicklung.
Diese Erklärung ist allerdings nicht mit einer objektiven Darstellung der Ereignisse gleichzusetzen. Die Geschichte wird von einem Erzähler vermittelt, der selbst in das Geschehen verwickelt war und ein ausdrückliches Interesse an dessen Deutung verfolgt. Sein erklärtes Ziel, sich von der Vergangenheit zu befreien, beeinflusst zwangsläufig die Perspektive, aus der er die früheren Ereignisse betrachtet.
Der Leser muss deshalb zwischen den Erfahrungen des jungen Octave und ihrer nachträglichen Bewertung unterscheiden. Was für den Helden zunächst eine unmittelbare Erfahrung ist, erscheint dem Erzähler als Symptom einer bereits erkannten Krankheit. Zwischen beiden Perspektiven besteht eine zeitliche und interpretative Distanz, die durch die chronologische Anordnung der Erzählung nicht aufgehoben wird.
Die Reise des Lesers ist folglich nicht mit der Reise des Helden identisch. Während Octave seine Erfahrungen durchlebt, kennt der Leser bereits die grundsätzliche Deutung, die der Erzähler diesen Erfahrungen geben will. Die Lektüre bewegt sich somit zwischen der fortschreitenden Entwicklung des Helden und dem rückblickenden Wissen des Erzählers. Der Leser kann die geschilderten Ereignisse im Hinblick auf ihren angekündigten Zusammenhang betrachten, muss zugleich aber prüfen, inwieweit die Erzählung diesen Zusammenhang tatsächlich begründet.
Auch die zeitliche Perspektive auf die Zukunft unterscheidet sich wesentlich von Proust. Bei de Musset ist der Schreibakt ausdrücklich auf eine Veränderung des gegenwärtigen Zustandes gerichtet. Der Erzähler hofft, durch die Auseinandersetzung mit seinem vergangenen Leiden eine Befreiung zu erreichen, die ihm einen neuen Umgang mit seinem weiteren Leben ermöglicht. Seine Erzählung blickt daher nicht ausschließlich zurück, sondern verbindet die Erinnerung mit einer Erwartung an die Zukunft.
Diese Zukunft bleibt jedoch offen. Dass der Erzähler sich eine Heilung verspricht, bedeutet nicht, dass die Vergangenheit tatsächlich jede Wirkung auf seine Gegenwart verlieren wird. Gerade die Notwendigkeit, über das Erlebte zu schreiben, zeigt, dass die Distanzierung noch nicht vollständig vollzogen ist. Der Schreibprozess steht damit zwischen der Erinnerung an ein zurückliegendes Leiden und der Hoffnung auf dessen Überwindung.
Während Prousts Erzähler in seiner Vergangenheit nach Erfahrungen sucht, die für die Erkenntnis seiner schriftstellerischen Berufung bedeutsam werden, richtet de Mussets Erzähler die Rückschau auf die Möglichkeit einer persönlichen Veränderung. Die Erinnerung soll nicht eine verlorene Zeit wiederherstellen, sondern dazu beitragen, die Bindung an einen bestimmten Lebensabschnitt zu lösen.
Die unterschiedliche Funktion der Erinnerung bestimmt zugleich die Position des Lesers. In der Recherche erschließt sich die Bedeutung des Anfangs erst im Zusammenhang mit dem Ende des Romanzyklus. In der Confession wird die Deutungsrichtung dagegen bereits im Incipit formuliert. Die Aufgabe des Lesers besteht weniger darin, eine komplexe zeitliche Ordnung zu rekonstruieren, als darin, die vom Erzähler behaupteten Ursachen und Folgen seiner moralischen Erkrankung anhand der folgenden Lebensgeschichte nachzuvollziehen.
Der Anfang übernimmt damit bei de Musset eine andere Funktion als bei Proust. Er eröffnet nicht nur die erzählte Welt, sondern liefert zugleich eine Erklärung dafür, warum diese Geschichte überhaupt erzählt wird. Die zeitliche Distanz zwischen dem gegenwärtigen Erzähler und seinem früheren Ich bildet die Voraussetzung für eine Selbstbetrachtung, deren angestrebtes Ergebnis bereits im ersten Satz angelegt ist: die Möglichkeit, die eigene Vergangenheit als Geschichte eines anderen, früheren Selbst zu erzählen.
Sartres Beginn inmitten von Büchern
Anders als Proust und de Musset beginnt Jean-Paul Sartre seine autobiographische Erzählung Les Mots nicht mit der Erinnerung an eine persönlich erlebte Vergangenheit. Vielmehr setzt der Text mit einer Rückschau auf die Familiengeschichte ein, die zeitlich weit vor der Geburt des Erzählers liegt. Bereits der erste Satz verortet das Geschehen im Elsass um 1850 und führt damit in eine Vergangenheit, die dem autobiographischen Ich nicht aus eigener Erfahrung zugänglich sein kann.
Diese Entscheidung ist für die zeitliche Struktur des Werkes von besonderer Bedeutung. Während Proust und de Musset das Verhältnis ihres Erzählers zu einer selbst erlebten Vergangenheit in den Mittelpunkt stellen, beginnt Sartre mit Ereignissen, deren Kenntnis er nur aus familiären Überlieferungen gewonnen haben kann. Der Anfang der Erzählung liegt somit vor dem Anfang des eigenen Lebens. Die autobiographische Rückschau wird um eine Vorgeschichte erweitert, die der Erzähler aus seiner späteren Perspektive rekonstruiert.
Die Darstellung der Familiengeschichte erfüllt dabei nicht lediglich eine einführende Funktion. Sie vermittelt dem Leser die gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen, unter denen Sartre aufwächst. Insbesondere die bürgerlichen Wertvorstellungen seiner Familie und die Bedeutung, die Bildung und Literatur innerhalb dieses Milieus besitzen, werden bereits vor dem Einsetzen der eigentlichen Kindheitserzählung sichtbar.
Der Erzähler betrachtet diese Verhältnisse jedoch nicht aus einer neutralen Perspektive. Seine Darstellung ist von Ironie geprägt und lässt bereits eine kritische Distanz gegenüber den gesellschaftlichen Konventionen erkennen, die seine Herkunft bestimmten. Die Familiengeschichte erscheint damit nicht als eine ehrwürdige Genealogie, durch die die eigene Identität legitimiert werden soll. Vielmehr wird sie zum Gegenstand einer Betrachtung, in der die vermeintliche Selbstverständlichkeit bürgerlicher Lebensformen infrage gestellt wird.
Erzählt wird diese Vorgeschichte zunächst überwiegend im Passé simple. Die Verwendung dieser Vergangenheitsform verleiht den Ereignissen den Charakter einer abgeschlossenen historischen Abfolge. Personen treten auf, treffen Entscheidungen und verschwinden wieder aus der Erzählung. Die Lebensgeschichte der Familie wird so zu einer Folge von Ereignissen, die aus der zeitlichen Distanz des Erzählers dargestellt werden.
Allerdings wäre es verkürzt, das Passé simple allein als Ausdruck der bürgerlichen Weltanschauung zu verstehen. Zwar verweist Jochen Mecke auf Roland Barthes' Kritik an dieser traditionellen literarischen Vergangenheitsform, doch lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten, dass jede Verwendung des Passé simple eine ideologische Distanzierung bedeutet (Mecke, 1990, 47). Entscheidend ist vielmehr, wie Sartre die historische Erzählform mit der ironischen Darstellung seiner Familiengeschichte verbindet.
Die zeitliche Distanz wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass der Erzähler an den geschilderten Ereignissen noch gar nicht beteiligt sein konnte. Er berichtet von einer Welt, die seiner eigenen Existenz vorausgeht und die dennoch für sein späteres Selbstverständnis bedeutsam wird. Bereits im Incipit entsteht damit ein Spannungsverhältnis zwischen der historischen Vergangenheit der Familie und der individuellen Vergangenheit des autobiographischen Ichs.
Mit dem Übergang zur eigenen Kindheitsgeschichte verändert sich diese Konstellation. Sartre formuliert:
« J'ai commencé ma vie comme je la finirai sans doute : au milieu des livres. » (Sartre, 1964, 35)
Dieser Satz markiert einen neuen Anfang innerhalb der Erzählung. Nach der Darstellung der familiären Vorgeschichte tritt nun das eigene Leben ausdrücklich in den Mittelpunkt. Zugleich verbindet der Satz den Beginn dieses Lebens mit einem möglichen Ende, das aus der Perspektive des Erzählers noch in der Zukunft liegt.
Die Konstruktion ist insofern bemerkenswert, als Sartre eine Kontinuität zwischen Vergangenheit und Zukunft behauptet, diese aber durch sans doute zugleich relativiert. Der Erzähler stellt sich vor, sein Leben ebenso zu beenden, wie es begonnen hat: umgeben von Büchern. Damit wird eine Verbindung zwischen dem Kind und dem erwachsenen Schriftsteller hergestellt, ohne dass die Zukunft bereits als vollständig bestimmt erscheint.
Auch der Tempusgebrauch unterstützt diese Verbindung unterschiedlicher Zeitperspektiven. Das Passé composé in j'ai commencé stellt den Lebensbeginn in einen Bezug zur Gegenwart des Erzählers. Das Futur simple in je finirai richtet den Blick dagegen auf einen noch nicht eingetretenen Zeitpunkt. Vergangenheit und Zukunft werden im selben Satz aufeinander bezogen, während das gegenwärtige Ich die Verbindung zwischen beiden herstellt.
Diese zeitliche Konstruktion unterscheidet sich sowohl von Prousts als auch von de Mussets Incipit. Bei Proust gewinnt die Vergangenheit erst im Verlauf der Erinnerung und des Erzählens ihre übergreifende Bedeutung. De Mussets Erzähler wiederum verbindet die Rückschau mit der Hoffnung, sich von einem belastenden Teil seiner Geschichte zu lösen. Sartre hingegen stellt bereits zu Beginn seiner eigenen Lebensgeschichte eine Kontinuität her, die er zugleich kritisch zu untersuchen beginnt: die Beziehung zwischen seiner Kindheit inmitten von Büchern und seiner späteren Existenz als Schriftsteller.
Die Bücher erscheinen dabei zunächst nicht als Gegenstände einer selbstbestimmten intellektuellen Tätigkeit. Der junge Sartre begegnet ihnen in der Bibliothek seines Großvaters als Bestandteilen einer Welt, deren Regeln und Wertvorstellungen ihm bereits vorgegeben sind. Die Literatur gehört zu seiner familiären Umgebung, bevor er selbst lesen und über ihre Bedeutung urteilen kann.
Die Entscheidung, das eigene Leben inmitten von Büchern beginnen zu lassen, verweist somit nicht ausschließlich auf eine individuelle Leidenschaft für die Literatur. Sie macht zugleich deutlich, dass diese Leidenschaft innerhalb eines bestimmten gesellschaftlichen Milieus entsteht. Der Erzähler stellt seine spätere schriftstellerische Identität daher in einen Zusammenhang mit den kulturellen Bedingungen seiner Kindheit.
Dieser Zusammenhang wirft eine Frage auf, die für Sartres existenzialistisches Selbstverständnis von grundlegender Bedeutung ist. Wenn die eigene Identität nicht von Geburt an festgelegt ist, sondern erst durch das Handeln des Menschen entsteht, welche Bedeutung kommt dann den Bedingungen zu, unter denen dieses Handeln möglich wird?
In L'existentialisme est un humanisme formuliert Sartre die Vorstellung, dass der Mensch nicht durch eine vorgegebene Wesensbestimmung definiert wird, sondern sich durch seine Entscheidungen und Handlungen selbst entwirft:
« L'homme est non seulement tel qu'il se conçoit, mais tel qu'il se veut […] l'homme n'est rien d'autre que ce qu'il se fait. » (Sartre, 1996, 29)
Die existenzialistische Vorstellung des Selbstentwurfs steht jedoch nicht notwendig im Widerspruch zur Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft. Dass der Mensch sich durch sein Handeln bestimmt, bedeutet nicht, dass seine Vergangenheit und seine gesellschaftliche Umgebung bedeutungslos wären. Vielmehr bilden sie Bedingungen, zu denen er sich verhalten muss.
Vor diesem Hintergrund erhält Sartres Rückblick auf die Kindheit eine besondere Funktion. Der Erzähler untersucht nicht lediglich, welche Erfahrungen ihn geprägt haben. Er fragt zugleich, wie er diese Erfahrungen gedeutet und welche Vorstellungen er über sich selbst entwickelt hat. Seine Vergangenheit wird damit zum Gegenstand einer kritischen Selbstbefragung.
Die ironische Darstellung der Familie ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Verfahrens. Sie ermöglicht dem Erzähler, zwischen den Wertvorstellungen seiner Kindheit und seiner gegenwärtigen Perspektive zu unterscheiden. Was dem Kind innerhalb des familiären Umfeldes als selbstverständlich erscheinen musste, kann der erwachsene Erzähler als historisch und gesellschaftlich bedingte Vorstellung erkennen.
Damit entsteht eine Distanz zwischen dem erlebenden und dem erzählenden Ich, die derjenigen bei de Musset in bestimmter Hinsicht ähnelt. Beide Erzähler betrachten ihre Vergangenheit aus einer späteren Perspektive und versuchen, das frühere Selbst kritisch zu verstehen. Während de Mussets Erzähler die Erinnerung jedoch als Möglichkeit einer angestrebten Befreiung von einem leidvollen Lebensabschnitt nutzt, richtet Sartre seine Analyse auf die Entstehung jener Vorstellungen, durch die er sein eigenes Leben und seine schriftstellerische Berufung zu verstehen gelernt hat.
Die Kindheit erscheint bei Sartre folglich nicht als ein verlorenes Paradies, das wiedergewonnen werden müsste. Ebenso wenig wird sie ausschließlich als eine Vergangenheit dargestellt, von der sich der Erzähler vollständig lösen könnte. Vielmehr ist sie ein Gegenstand der kritischen Untersuchung, durch die der Erzähler seine frühere Selbstdeutung überprüft.
Besonders deutlich wird dies im Verhältnis zwischen familiärer Herkunft und literarischer Berufung. Der Satz « J'ai commencé ma vie comme je la finirai sans doute : au milieu des livres » stellt zunächst eine scheinbar geschlossene Verbindung zwischen dem Anfang und dem möglichen Ende des Lebens her. Die anschließende Erzählung muss jedoch erst zeigen, wie aus dem Kind, das in einer von Büchern geprägten Umgebung aufwächst, ein Schriftsteller wird und welche Vorstellungen von Literatur und Identität diesen Prozess begleiten.
Die zeitliche Struktur des Incipits ist daher nicht lediglich rückblickend. Sie verbindet eine historische Vorgeschichte, die erinnerte Kindheit, die Gegenwart des Erzählers und eine mögliche Zukunft miteinander. Diese unterschiedlichen Zeitebenen bilden keine einfache Kausalkette, in der die Vergangenheit zwangsläufig die Zukunft bestimmt. Vielmehr werden sie durch die Frage miteinander verbunden, wie das autobiographische Ich zu dem geworden ist, als das es sich in der Gegenwart des Schreibens betrachtet.
Jeffrey Mehlman stellt Sartres autobiographische Selbstbefragung in einen Zusammenhang mit Prousts Darstellung der eigenen Vergangenheit und erkennt insbesondere in der Rolle familiärer Erfahrungen eine Verbindung zwischen beiden Werken (Mehlman, 1974, 151). Für den Vergleich der Incipits ist jedoch weniger eine Gleichsetzung dieser Erfahrungen entscheidend als die unterschiedliche Funktion, die ihnen innerhalb der jeweiligen Erzählung zukommt.
Während Prousts Erzähler seine Vergangenheit auf der Suche nach einer literarischen Erkenntnis neu ordnet, untersucht Sartre, wie seine eigene Vorstellung von einer schriftstellerischen Bestimmung entstanden ist. Die Erinnerung erhält damit eine kritische Funktion, die nicht auf die Rekonstruktion vergangener Ereignisse beschränkt bleibt.
Das Incipit von Les Mots führt folglich nicht unmittelbar zur Bestätigung einer von Anfang an feststehenden Identität. Vielmehr eröffnet es eine Untersuchung der Bedingungen, unter denen das Ich bestimmte Vorstellungen von sich selbst entwickelt hat. Die Familiengeschichte stellt die gesellschaftlichen Voraussetzungen dar, während die anschließende Kindheitserzählung zeigt, wie der junge Sartre innerhalb dieser Welt seine Beziehung zu Büchern und Literatur ausbildet.
Der literarische Anfang liegt damit vor dem eigentlichen Beginn des autobiographischen Lebensberichts. Indem Sartre zunächst die Geschichte seiner Familie erzählt und erst anschließend das eigene Leben in den Mittelpunkt stellt, macht er die Frage nach der Entstehung des Ichs selbst zum Gegenstand der Erzählung. Der Anfang ist nicht nur Ausgangspunkt einer Erinnerung, sondern bereits Teil einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vorstellung, dass die Identität eines Menschen durch seine Herkunft oder eine vermeintlich vorgegebene Bestimmung erklärt werden könne.
Wort, Tat oder Sinn?
Die Untersuchung der Romananfänge von Marcel Prousts À la recherche du temps perdu, Alfred de Mussets La Confession d’un enfant du siècle und Jean-Paul Sartres Les Mots hat gezeigt, dass der Beginn autobiographisch geprägter Erzählungen nicht mit dem chronologischen Anfang einer Lebensgeschichte gleichzusetzen ist. Vielmehr eröffnet das Incipit einen erzählerischen Zusammenhang, in dem vergangene Erfahrungen aus einer späteren Perspektive betrachtet und mit neuer Bedeutung versehen werden. Die zeitliche Distanz zwischen dem erzählenden und dem erlebenden Ich bildet dabei die Voraussetzung für unterschiedliche Formen der Erinnerung und Selbstdeutung.
Allen drei Werken ist gemeinsam, dass die Vergangenheit nicht einfach als eine abgeschlossene Folge von Ereignissen wiedergegeben wird. Ihre Darstellung ist vielmehr von der jeweiligen Gegenwart des Erzählers abhängig. Dieser verfügt über Erfahrungen und Erkenntnisse, die dem früheren Ich noch nicht zugänglich waren, und kann die zurückliegenden Ereignisse deshalb in einen Zusammenhang stellen, der sich erst nachträglich erschließt. Die erzählte Zeit ist somit nicht allein durch die Chronologie des Erlebten bestimmt, sondern ebenso durch den Standpunkt, von dem aus die Vergangenheit erinnert und sprachlich gestaltet wird.
Wie unterschiedlich dieses Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart ausfallen kann, zeigt sich bereits in der zeitlichen Gestaltung der drei Incipits. Proust beginnt mit der Erinnerung an eine wiederkehrende Gewohnheit, deren genaue zeitliche Einordnung zunächst offenbleibt. Der Wechsel zwischen Schlaf, Traum und Erwachen lässt unterschiedliche Lebensphasen ineinander übergehen, bevor sie durch das Bewusstsein des Erzählers wieder voneinander unterschieden werden. Die Vergangenheit erscheint dadurch nicht als eine eindeutig geordnete Abfolge von Ereignissen, sondern als eine Vielzahl von Erinnerungen, deren Beziehungen sich erst im Verlauf der Erzählung erschließen.
Bei de Musset steht dagegen von Anfang an die Absicht im Vordergrund, einen bestimmten Abschnitt der Vergangenheit aus der Perspektive des gegenwärtigen Ichs zu betrachten. Der Erzähler deutet seine früheren Erfahrungen als moralische Erkrankung und verbindet den Schreibakt mit der Hoffnung, sich von diesem Leiden zu befreien. Die zeitliche Unterscheidung zwischen der vergangenen Krankheit, der gegenwärtigen Erzählhandlung und der zukünftigen Heilung bestimmt bereits das Incipit. Die Erinnerung dient hier nicht in erster Linie der Wiedergewinnung vergangener Zeit, sondern der angestrebten Veränderung des eigenen Verhältnisses zu ihr.
Sartre wiederum setzt mit einer Vergangenheit ein, die seiner eigenen Geburt vorausgeht. Die Geschichte seiner Familie bildet den Ausgangspunkt einer autobiographischen Selbstbefragung, deren Gegenstand nicht nur die erlebte Kindheit, sondern auch deren gesellschaftliche und kulturelle Voraussetzungen sind. Der spätere Beginn der eigentlichen Lebensgeschichte stellt mit der Formulierung « J'ai commencé ma vie comme je la finirai sans doute : au milieu des livres » eine Verbindung zwischen Vergangenheit und möglicher Zukunft her. Diese scheinbare Kontinuität wird jedoch durch die kritische Rückschau auf die Entstehung des eigenen Selbstverständnisses hinterfragt.
Die drei Incipits unterscheiden sich damit nicht allein durch ihre jeweilige zeitliche Situierung, sondern insbesondere durch die Funktion, die der Rückblick auf die Vergangenheit erfüllt. Während Prousts Erzähler in der Erinnerung nach Erfahrungen sucht, deren Bedeutung sich erst im Zusammenhang des gesamten Werkes offenbart, versucht de Mussets Erzähler, sich durch die Darstellung seines Leidens von einem früheren Selbst zu distanzieren. Sartre richtet die Rückschau dagegen auf die Frage, unter welchen Bedingungen seine Vorstellungen von sich selbst und seiner schriftstellerischen Berufung entstanden sind.
Diese unterschiedlichen Formen der Selbstdeutung spiegeln sich auch in der Organisation der erzählten Zeit wider. Prousts Recherche verbindet verschiedene Erinnerungs- und Zeitebenen durch motivische und thematische Beziehungen, deren Bedeutung sich dem Leser häufig erst im Rückblick erschließt. Die zweite Lektüre erhält deshalb eine besondere Funktion, weil sie ermöglicht, den Anfang aus der Kenntnis des Endes neu zu betrachten. De Musset folgt dagegen stärker einer chronologischen Entwicklung, deren Deutungsrichtung bereits im Incipit vorgegeben wird. Sartre verbindet die historische Vergangenheit seiner Familie mit der eigenen Kindheit und der Gegenwart des Erzählers, um die Vorstellung einer von Anfang an feststehenden Identität kritisch zu untersuchen.
Damit unterscheiden sich auch die Anforderungen, die die jeweiligen Romananfänge an ihre Leser stellen. Bei Proust muss der Leser die Beziehungen zwischen zeitlich auseinanderliegenden Erfahrungen rekonstruieren, um deren Bedeutung für das Gesamtwerk zu verstehen. De Mussets Erzähler bietet bereits zu Beginn eine Interpretation seiner Lebensgeschichte an, deren Plausibilität sich im Verlauf der Erzählung erweisen muss. Sartre wiederum führt den Leser durch die ironische Darstellung seiner Herkunft und Kindheit zu einer kritischen Betrachtung autobiographischer Selbstbilder.
Trotz dieser Unterschiede übernehmen alle drei Incipits eine vergleichbare Funktion. Sie begründen ein bestimmtes Verhältnis zwischen dem erzählenden und dem erlebenden Ich und schaffen damit die Voraussetzungen für die nachfolgende Darstellung der Vergangenheit. Der Anfang ist nicht nur der Punkt, an dem die Erzählung einsetzt, sondern zugleich der Moment, in dem der Erzähler seine eigene Geschichte zum Gegenstand einer Betrachtung macht.
Dabei kann die Vergangenheit weder unverändert wiederhergestellt noch vollständig aus der Gegenwart gelöst werden. Auch dort, wo der Erzähler ausdrücklich die Absicht verfolgt, sich von ihr zu befreien, bleibt sie der Ausgangspunkt seines Erzählens. Die zeitliche Distanz ermöglicht zwar eine veränderte Betrachtung des früheren Ichs, hebt die Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart jedoch nicht auf. Gerade aus diesem Spannungsverhältnis entsteht die Möglichkeit autobiographischer Selbstdeutung.
Die Untersuchung bestätigt damit die Bedeutung, die Andrea Del Lungo dem Incipit als einer über den ersten Satz hinausreichenden Texteinheit zuschreibt. Der Anfang übernimmt nicht lediglich eine orientierende Funktion, sondern kann bereits jene zeitlichen und thematischen Beziehungen eröffnen, die das gesamte Werk bestimmen. Insbesondere in autobiographisch geprägten Erzählungen wird das Incipit zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, deren Bedeutung sich erst durch den weiteren Verlauf der Erzählung erschließt.
Damit lässt sich auch die eingangs mit Goethes Faust aufgeworfene Frage nach dem Anfang erneut stellen. Ob am Anfang das Wort, der Sinn oder die Tat steht, bleibt für die literarische Erzählung insofern offen, als das geschriebene Wort stets auf Erfahrungen, Vorstellungen und Zusammenhänge verweist, die ihm vorausgehen. Für die autobiographische Erzählung gilt dies in besonderem Maße: Das Leben beginnt vor seiner schriftlichen Darstellung, doch erst im Akt des Erzählens wird es zu einer Geschichte, deren Anfang, Zusammenhang und Bedeutung bestimmt werden können.
Der literarische Anfang ist somit nicht der Ursprung des erzählten Lebens. Er ist vielmehr der Ausgangspunkt seiner nachträglichen Deutung. Proust, de Musset und Sartre zeigen auf unterschiedliche Weise, dass autobiographisches Erzählen nicht allein darin besteht, Vergangenes festzuhalten. Indem das erzählende Ich seine Erinnerungen auswählt, ordnet und deutet, verändert es zugleich sein Verhältnis zum eigenen früheren Selbst. Der Anfang einer autobiographischen Erzählung markiert daher nicht nur den Eintritt des Lesers in eine vergangene Lebenswelt, sondern auch den Beginn jener erzählerischen Auseinandersetzung, durch die das Ich seine Geschichte und damit sich selbst neu zu verstehen versucht.
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- Jean Echenoz’s 14: The Quiet Start that set a World on Fire
Primärtexte:
- De Musset, Alfred. 2003. La Confession d’un enfant du siècle. Paris : Librairie Générale Française. Livre de Poche classique. 57 -58.
- Proust, Marcel.1992. A la recherche du temps perdu. Du côté de chez Swann. Paris : Librairie Générale Française. Livre de Poche classique. 45-47.
- Sartre, Jean-Paul. 1964. Les Mots. Paris: Gallimard folio. 11 – 15.
- Von Goethe, Johann Wolfgang. 2004. Ed. Johannes Diekhans. Faust. Der Tragödie erster Teil. Paderborn: Ferdinand Schöningh. 42f. 1224 -1237
- Van
Buuren, Maarten. 2008. Ed. Michael Bishop. Marcel Proust et l’imaginaire. Amsterdam : Rodopi.
- Del Lungo, Andrea. 1993. “Pour une poétique de l’incipit”, Poétique. N° 94. 131- 152.
- Dezon-Jones, Elyane. 1992. « Introduction ». A la Recherche du Temps perdu. Du côté de chez Swann. Librairie Générale Française. Livre de Poche classique. 7-35.
- Genette, Gérard. 2007. Discours du récit. Essai de méthode. Lonrai : Points. Editions du Seuil.
- Hall, Stuart. 1997. Ed. Stuart Hall. “The Work of Representation”. Representation : Cultural Studies and Signifying Practices. London :SAGE Publications Inc.
- Henrot, Geneviève. 2002. Ed. Armine Kotin
Mortimer and Katherine Kolb. „Mnemosyne and the Rustle of Language Proustian
Memory Reconsidered“. Proust in Perspective. Chicago: University of Illinois Press.
- Ed. Hess, Rainer. Frauenrath, Mireille. Siebenmann, Gustav. Stegmann, Tilbert. 1989. Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten (LWR). Auflage 3. Tübingen : Francke Verlag.
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